Ein Leben für die Erde

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Tassilo Willaredt

 

Tassilo Willaredt hat sein Leben der Erde gewidmet. Der Gärtner will einen Weg finden, die Weltbevölkerung zu ernähren, ohne die Erde auszubeuten.

In den satten, grünen Hügeln Kaliforniens gründete sich in den späten 60er-Jahren eine kleine Gemeinschaft. Die Menschen bauten ihr eigenes Gemüse an: Mangold, Spinat, Tomaten, Gurken, Äpfel, Melonen. Kühe hatten sie auch. Und einige Manufakturen, wo sie zum Beispiel Hängematten herstellten, um sie auf Märkten zu verkaufen. So lebten sie komplett in Selbstversorgung. Als Tassilo Willaredt mit 15 einen Film über die Olompali Farm gesehen hatte, war das wie eine Initialzündung. Von da an wollte er in die Hippie-Szene, weil die Hippies, dachte er, die sind das. „Ich hab aber bald gemerkt, dass die Hippies gar nichts machen außer im Park herumzuhängen, Drogen zu nehmen und Sprüche zu klopfen“, erzählt er.

Nach dem Abitur leistete der gebürtige Freiburger seinen Zivildienst in der Psychiatrie ab und arbeitete noch ein paar weitere Jahre dort. Zugleich zog er von zu Hause aus und gründete zusammen mit Freunden seine erste Landkommune. „Das war damals das Ding: auf dem Land leben, draußen schlafen und Gemüse im eigenen Garten anbauen“, erklärt Tassilo Willaredt.

Fünf Jahre lang arbeitete Tassilo Willaredt mit schwerst schizophrenen Menschen in der Psychiatrie. „Das war sehr spannend, weil Schizophrene in gewisser Weise sehr pur sind“, sagt er, „aber auch schwierig.“ Viel Zeit und Hingabe steckte er in seine Arbeit. Schließlich belastete ihn diese Arbeit zu sehr. Deshalb entschied der junge Erwachsene kurzerhand, etwas Bodenständiges zu machen, und wurde Gärtner.

Der Beruf wurde zur Berufung

Naturverbunden war Tassilo Willaredt schon von klein auf. Sein Spielplatz war der Schwarzwald, an dessen Fuße er aufgewachsen ist. Die Natur prägte ihn. Er erinnert sich an Schwärme von Schwalben, Mauerseglern und Staren, die ein Viertel des Himmels bedeckten. „Das war ein Gekreische, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen“, sagt er. Aber auch die Zerstörung der Umwelt bekam er voll mit: das Sterben der Flüsse, Smog in den Städten, das Waldsterben… Auch das war für seine Entwicklung wichtig.

Der Beruf wurde zur Berufung. Nach zweijähriger Ausbildung gründete Tassilo Willaredt mit seiner damaligen Partnerin eine Bioland-Gärtnerei. Die beiden bekamen zwei wunderbare Kinder. Er verkaufte biologisches Gemüse auf verschiedenen Wochenmärkten im Großraum Heilbronn. Bio, das war in den 80er-Jahren schon ein Begriff, eine Welle, die gerade ins Rollen kam. Auch er setzte auf Bio – aus Überzeugung. „Ich hatte Familie, einen gut laufenden Betrieb, ein Auto und konnte mir Urlaub leisten – dennoch bin ich schier verkümmert“, erzählt Tassilo Willaredt. „Ich dachte: Und das soll es jetzt gewesen sein?“

Auf der Suche nach einem höheren Sinn im Leben und nach einer schmerzhaften Trennung fusionierte er mit einer anderen Gärtnerei und zog in eine kleine Hofgemeinschaft aufs Land. Dort wurden ein Demeter-Betrieb und Marktstände in Schwäbisch-Hall und in Heilbronn betrieben. „Unsere Stände haben richtig geboomt, die gibt es heute noch und die laufen immer noch gut“, sagt Willaredt.

Nach weiteren fünf Jahren, mit Mitte 30, kam erneut der Wunsch nach Veränderung. Das hatte zwei Gründe, wie der 64-Jährige erklärt: Zum einen hat er seine heutige Frau, Sonia, kennengelernt, die dann schwanger wurde, und das hätte die Hofgemeinschaft räumlich gesprengt. Zum anderen wurde die Arbeit immer mehr – im Sommer hatte er teilweise 15-Stunden-Tage – und trotzdem reichte es nicht für ein gutes Einkommen. Deswegen suchte er sich eine Arbeit mit geregelten Arbeitszeiten und besserem Verdienst, und machte sich als Landschaftsgärtner selbstständig. „Ich wusste, dass ich das kann, weil ich sowohl gestalterisch als auch handwerklich begabt bin“, erzählt Tassilo Willaredt.

Nachhaltig leben

Fast 20 Jahre lang plante der 64-Jährige Naturgärten für Privatbesitzer und im städtischen Raum – mit großem Erfolg. Dann wollte er zurück zu seinen Wurzeln: Zusammen mit seiner Frau Sonia und Freunden wollte er ein Ökodorf gründen und wieder Gemüse anbauen. Denn er begriff: „Nur in einer Gemeinschaft können wir nachhaltig leben.“

Auf der Suche nach einem geeigneten Grundstück stießen sie auf Gleichgesinnte, die bereits ein Areal gefunden hatten. Sie schlossen sich an und gründeten 2011 gemeinsam die Tempelhof-Gemeinschaft im Nordosten Baden-Württembergs. „Wir haben dort wertvolle Pionierarbeit geleistet und wichtige Erfahrungen gesammelt“, sagt Tassilo Willaredt. Nach fünf Jahren war das Dorf auf 100 Erwachsene und 40 Kinder angewachsen, was ihm „einfach zu groß wurde“. Obwohl die Entscheidung schwer fiel, ist er immer noch froh über den Entschluss, weggegangen zu sein und eine kleinere Gemeinde gegründet zu haben.

Aller guten Dinge sind fünf

Seit 2015 leben Tassilo und seine Frau auf einem Hof in der Nähe von Mühldorf am Inn im bayerischen Voralpenland. Der abgeschiedene Vierkanthof ist nur über einen Feldweg zu erreichen. Eine bunt blühende Oase, inmitten von hohen Mais- und goldenen Weizenfeldern, mit gackernden Hühnern, watschelnden Enten und Kamerun-Schafen. Zwölf Erwachsene und zwei Teenager leben auf dem Anwesen. Zu Mittag essen alle gemeinsam.

Hier, in dieser ländlichen Idylle, wo Tassilo Willaredt seine fünfte Gärtnerei aufbaut, kommt er seiner Vision einen großen Schritt näher. Aus dem Selbstversorger-Hof ist eine solidarische Landwirtschaft entstanden, die 121 Erwachsene und 58 Kinder aus dem Umland das ganze Jahr über mit Gemüse versorgt. Die Mitglieder der Solawi finanzieren die Kosten der Landwirtschaft für ein Jahr. In der Solawi Lenzwald sind das die Kosten für zwei Gärtner und eine Teilzeitkraft. Sie bewirtschaften einen Hektar Land. Aktuell gibt es etwa 300 Höfe in Deutschland, die nach diesem Modell betrieben werden.

Ein wichtiger Aspekt der Solawi: „Wir arbeiten kostenneutral – nicht gewinnorientiert“, betont Willaredt. Der Landwirt muss sich nicht wie ein Unternehmer am kapitalistischen Markt behaupten. Durch die Abnahmegarantien für Ernteteile ist er weitgehend frei von Marktzwängen. Wenn ein Landwirt gewinnorientiert arbeiten muss, wird es schwierig für den 64-Jährigen: „In einem geschlossenen System kann es keine Gewinne geben, und unser Planet ist ein geschlossenes System. Jeder Gewinn ist der Verlust von jemand anderem. Und in diesem Fall bezahlt es die Erde.“

Lebensmittel wertschätzen

Das große Ziel der Solawi ist weit mehr als eine ökologische Landwirtschaft, die auf Kreislaufwirtschaft, Biodiversität und organische Dünger setzt. „Das allein reicht nicht“, weiß Tassilo Willaredt. „Wir müssen unsere Böden sanieren, indem wir wieder Humus aufbauen. Denn im Moment sind unsere Böden Intensiv-Patienten, die nur noch mithilfe von Kunstdüngern Erträge hervorbringen.“ Zur Sanierung sind neben dem Ausbringen von Kompost auch Mulchsysteme, langjährige Fruchtfolgen, Untersaaten, eine schonende Bearbeitung und Züchtung neuer mehrjähriger Nutzpflanzen notwendig.

Bei den Preisen, die die Bauern kriegen, ist es extrem schwierig, Humus aufzubauen. Die Menschen müssen bereit sein, mehr für Lebensmittel zu bezahlen als bisher. Die Mitglieder der Solawi sind dazu bereit.

Der Vorteil für den Abnehmer: Er erhält Gemüse aus fairer, nachhaltiger, regionaler und saisonaler Produktion – noch dazu ohne lange Transportwege und ohne Verpackung. Bei dem Anbau der Pflanzen werden weder Pestizide noch Düngemittel verwendet. Darüber hinaus lernt der Verbraucher, seine Lebensmittel wertzuschätzen.

Humus aufbauen, um die Welt zu ernähren

Der Humus-Gehalt im Boden ist der Schlüssel. Einmal im Jahr werden in den Gewächshäusern und auf dem Feld Bodenproben gezogen, die dann im Labor untersucht werden. Als Tassilo Willaredt 2016 mit dem Humus-Aufbau begann, lag der Humus-Gehalt bei 2,8 Prozent, derzeit liegt er bei 6,5 bis 8 Prozent. „Weltweit sind unsere Böden im Moment bei durchschnittlich zwei Prozent Humus“, erläutert Tassilo Willaredt. Ab fünf Prozent Humus sei der Boden in der Lage, sich selbst zu regenerieren, ergänzt er.

Gesunder Boden mit hohem Humus-Anteil hat ein großes Puffer-Vermögen: Er kann sowohl viel Wasser bei starkem Regen aufnehmen, als auch Trockenheit aushalten. „Wenn wir den Humus-Gehalt sämtlicher landwirtschaftlicher Böden nur um ein Prozent erhöhen würden, wären wir bei einem CO2-Gehalt in der Atmosphäre wie in der vorindustriellen Zeit“, sagt Tassilo Willaredt. „Das kriegen wir in zehn Jahren hin. Wir müssen nur anfangen, Humus aufzubauen.“

Bisher sind Kulturen immer ihren Böden gefolgt: Wenn der Boden kaputt gewirtschaftet war, sind sie einfach weitergezogen. „Aber das können wir nicht mehr. Dazu bräuchten wir einen zweiten Planeten“, betont Willaredt. „Und das ist auch eine glückliche Situation, weil wir erstmals erkennen können, dass wir noch nie nachhaltig Landwirtschaft betrieben haben.“

Zukunftsmodell finden

Wie kann man Land nachhaltig bewirtschaften und die Weltbevölkerung ernähren? Das ist die große Frage. Tassilo Willaredt will ein Modell finden, dass sich global skalieren lässt. Klar ist für ihn: „Wir brauchen Technik, da immer weniger Menschen auf dem Land leben und arbeiten möchten.“ Darin liegt die Kunst. Denn mit Technik greift man viel intensiver in den Boden ein, dennoch muss Humus auf- anstatt abgebaut werden.

Seine Vision: Zu 25 Prozent werden sich die Städte selbst ernähren. Die Stadtbewohner werden gemeinsam Gemüse in Innenhöfen anbauen. Kleine Rasenflächen, auf denen nicht einmal Kinder spielen dürfen, werden für Beete genutzt. Statt einer Zier-Johannisbeere wird eine echte Johannisbeere als Hecke gepflanzt. Über dem Müllhäuschen wird keine Clematis wachsen, sondern eine Kiwi.

Die restlichen 75 Prozent unserer Nahrungsmittel werden von Solawis aus dem Umland kommen, die größere Flächen effizient mit Maschinen bearbeiten. Die Landwirte werden solidarisch für die Boden- und Landschaftspflege bezahlt, die Ernte kann kostenlos unter den Menschen verteilt werden. Tassilo Willaredt ist sich sicher: „Wenn wir hierauf den Fokus legen, haben wir in 50 Jahren ein blühendes Paradies auf diesem Planeten.“

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